Predigt über Gen. 11,1-9
Liebe Gemeinde, Beim Erzählen über den Bau des Turmes von Babel werden menschliche Erfahrungen miterzählt.
1. Der Bau Wir können einen Hauch spüren von dem Stolz in früher Zeit, technisch und architektonisch etwas zu können. Stärke und Selbstvertrauen, das Selbstgefühl, einer starken Kultur anzugehören, kommen über – und damit zugleich dieses immer wieder Ausprobieren von Grenzen, auch in weiter Dimension. Was geht, und was geht nicht? Wann kommt der Punkt des Scheiterns, wie risikovoll ist das Unternehmen? Das Spiel mit dem Tod wie ein Poker um alles. Wir wollen der Welt und der Geschichte zeigen, was wir können. Eine große Aufgabe, nichts ist zu teuer, kein Aufwand wird gescheut. Gigantisch muss es sein, weil gigantisch der Name sein wird, für den dieser Bau steht, großartig und prächtig, alles bisher Dagewesene wird überboten. Groß, größer, am Größten. Schaut her ihr Generationen, das können wir! Das sind wir. Das können wir uns leisten: Geld spielt keine Rolle, Menschenschicksale spielen keine Rolle. Die Größe, die Pracht, der Name – solches ist unser Ziel. Und mit diesem Erzählen wird zugleich verarbeitet: Der Mensch strebt danach, mit Gott gleichsam in Augenhöhe zu kommen.
2. Zerstörung Mit dem Erzählen der Zerstörungen werden menschliche Erfahrungen miterzählt Bis zu den Grenzen gehen und diese überschreiten. Das Haus, der Bau wird zerstört. Ich bin kleiner als ich dachte, ich habe meine Kräfte überschätzt. Ich habe mich selbst überschätzt. Ich bin begrenzt und habe das einen Augenblick oder bereits viel zu lange vergessen. Wir sind begrenzt, wir, die je Einzelnen hier auf dem Platz, wir sind begrenzt, wir in unseren Gemeinden, wir in der Bürgergemeinschaft unserer Stadt, wir in der Sozialgemeinschaft unseres Staates. Auch mit diesen Horizonten kennen wir die Erfahrung: Zu viel zugemutet. Auch weil wir uns einen Namen machen wollten oder wollen? Auch weil wir das Maß verloren haben? Immer mehr, immer größer, immer teurer, immer gigantischer?
Wo sind unsere Grenzen, was treibt uns, diese mit aller Gewalt immer wieder auszuprobieren – manchmal ohne das Gefühl für die Größe des Risikos, manchmal in gefährlicher Selbstüberschätzung.
Und dann fällt der Bau, das Haus zusammen – erzählt diese alte Geschichte der Bibel. Ein Schrei! Lähmendes Entsetzen. Die Not ist groß! Wie konnte es nur passieren? Die alte Geschichte weiß um einen Zusammenhang zwischen Menschenwahn und Gottes Gericht. Sie ist eine Geschichte gegen jeden, der sofort den Schuldigen für alle Lebenskatastrophen kennt. Wo ist Gott? Wie kann er das zulassen? Diese Zerstörung, den Jammer, solch ein Ende? Die alte Geschichte weiß die Vorgeschichte, weiß, das bereits der Versuch, die Grenzen zu überschreiten, eigene Fähigkeiten zu überreizen, in das Scheitern führt. Gott aus dem Auge zu verlieren beim Bau des Hauses, bei den Plänen unseres Lebens, ist katastrophal. Nicht weil Gott so böse, so rachsüchtig ist, sondern weil wir im Gegenüber zu ihm das Maß nicht gelernt haben. Gott ist nicht schuldig für die Opfer unseres immer größer, immer schneller, immer reicher, immer besser, immer schöner, immer rasanter – und wie Steigerungen auch fortgesetzt werden mögen. Der Turm fällt.
Und es ist schwer, sich dem zu stellen. Wie viel Trauerarbeit ist nötig! Abschied von den Plänen. Abschied von dem ersehnten Erfolg! Abschied von den so klaren Zukunftsbildern. Abschied von den erhofften sichtbaren Ergebnissen eigenen Könnens, eigener Klasse! Stattdessen: Eingestehen, dass ich begrenzt bin. Ich selber bin verantwortlich. Ich kann meine Schwäche kaum ertragen. Ich selber kann mir den Sinn nicht geben.
All das erzählt diese alte Geschichte mit. Ich, wir stehen da: verwirrt, vielleicht ratlos, wütend über das nicht Erreichte, enttäuscht wegen nicht aufgegangener Pläne, in Trauer gelähmt, sprachlos.
3. Sprachverwirrung Der Bau ist eine Ruine. Die Menschen sind verwirrt. Keiner versteht den anderen. Sprachverwirrung: Das Symbol für das Ende. Viele sehen es als zusätzliche Strafe Gottes, Ausdruck seines Zorns. Ich sehe das anders. Wir haben eine Aufgabe. Einen anderen Bauplan – um im Bild der Geschichte zu bleiben. Umgang mit Grenzen des Verstehens, der Verständigung, mit Grenzen der Kulturen, mit Grenzen der Kunst. Der neue Bau: Gemeinschaft unter uns, die wir alle so anders sind. Ringen um Kontakt. Sensibel sein für die Signale, die von dem Menschen an meiner Seite oder dem Menschen mir gegenüber ausgehen, die sich im Sprechen nicht vermitteln. Das Gesicht, die Miene, der Glanz in den Augen, die Haltung des Körpers, die Sprache der Hände. Fast alle kennen diese Situation von Aufenthalten im Ausland und durch Begegnung mit Menschen anderer Muttersprache: Das Ringen um Verstehen jenseits der Möglichkeit sprachlicher Verständigung. Das ist spannend, aufregend, voller Missverständnisse, ratlose Blicke, manchmal auch Verzweiflung. Ein großes Lernfeld im Umgang mit den mir gegebenen Grenzen. Und man kann das gar nicht gut oder schlecht finden, weil die Erfahrungen immer dazwischen liegen, zwischen Erfolg und Misserfolg, zwischen Glück und Unglück, zwischen Harmonie und Streit. Aber die Erfahrungen aus dem Bau des alten Turms helfen hier gar nicht. Nicht mit schneller, größer, schöner, gigantischer kommen wir weiter, sondern mit Geduld, Einfühlungsvermögen, Offenheit für die Andersartigkeit der Menschen, Phantasie für das Verstehen von Verhaltensweisen. Sprachenvielfalt – nicht Ausdruck einer besonderen Spielart des Chaos in der Menschheit, sondern Herausforderung, um Menschlichkeit zu üben, zu lernen, zu kultivieren, Provokation zur Verständigung.
4. Der Geist Jesu Christi Nach der Geschichte vom Turmbau zu Babel finden wir in der Bibel und auch sonst viele Geschichten gleicher Art. Menschen werden zu Opfern, weil Menschen in ihrem Planen und Handeln die Menschen aus ihren Augen verlieren. Und von Gott lernen wir, so erzählt die alte Geschichte, dass es unter uns um etwas ganz anderes geht, wenn wir Ziele unseres Lebens bestimmen und erreichen wollen. Grenzen unter uns überwinden, eigene Grenzen lernen. Oft sind wir damit überfordert, oft werden wir mutlos angesichts der Größe und auch der Faszination dieser Aufgabe. Heute am Pfingstfest lassen wir uns daran erinnern, dass mit Jesus Christus ein besonderer Geist in unsere Welt gekommen ist. Er setzt Maßstäbe der Menschlichkeit, er zeigt in einem ganzen Lebenswerk ein Bild von der Liebe und Gerechtigkeit unseres Gottes. Denn er gibt den anderen bei sich Raum, öffnet Grenzen zum Zwecke des Kontaktes: betritt Häuser, die eigentlich verschlossen waren, redet Menschen an, mit denen eigentlich keiner spricht, segnet Kinder, von denen sich andere genervt fühlen und redet, was vor ihm keiner tat, Gott mit „Vater“ (unser Vater) an. Pfingsten – der Geist Jesu Christi lässt uns taugliche Pläne zu unseren Lebensbauten verstehen, der Geist Jesu Christi zeigt uns die Methode, wie es gelingen kann. Der Geist Jesu Christi lehrt uns, unsere eigenen Grenzen anzunehmen und Grenzen untereinander zu überwinden. Vielleicht spüren wir einen Hauch davon heute, hier im gottesdienstlichen Miteinander auf dem Klosterplatz. Amen.
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