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In der nachfolgenden Predigt wurde die fiktive Rede Jesu an Judas Iskarioth von einem Schauspieler gelesen.
Nach dem Lesen erklang meditative improvisierte Orgel- und Klarinettenmusik. Sodann wurde die Predigt mit dem Schlussteil forstgesetzt.



In der Eingangsliturgie wurden Psalmlesung und Eingangsgebet miteinander verknüpft, so dass folgender Text entstand:

Wir hören und beten mit Psalm 121

I. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?
II. Herr, woher kommt mir Hilfe? Meine Fragen, meine Sorgen, meine Enttäuschungen. Woher kommt mir Hilfe?
I. Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
II. Wo ist sie? Wo war sie? Gestern, heute. Hier bei uns, in Berlin, in Washington, in Bagdad?
I. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht.
II. Mich behüten. Uns behüten. Das brauchen wir wohl! Denn wir haben Angst und viele ungeklärte Fragen.
I. Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
II. Das möchte ich glauben, will lernen, dass meine Erwartungen und meine Wünsche anders sind als Gottes Wege.
I. Der HERR behütet dich; der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand, dass dich des Tages die Sonne nicht steche noch der Mond des Nachts.
II. Diese Nähe möchte ich spüren, wenn mich die Bilder des Tages und der Woche irritieren, ängstigen.
I. Der HERR behüte dich vor allem Übel, er behüte deine Seele. Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!
II. Darauf möchte ich mich verlassen. Ich glaube, Herr, hilf meinem Unglauben!
I. Amen.


Predigttext: Matthäus 27, 3-5

Gute Botschaft für Judas Iskarioth
Da ist er unterwegs. – Würde man ich erkennen? An seinen hängenden Schultern, als einen geknickter Mann? Oder in seiner hektischen Bewegung verkrampft mit irrem Blick?
Jedenfalls ein Mann am Ende. Total gescheitert. Ein Mann mit Menschenleben auf dem Gewissen. Nicht Mörder, sondern Verräter. Dabei eigene Lebensvorstellungen, Pläne, Wünsche – zersplittert. Ein Scherbenhaufen.
Und dazu die Scham! Die Folgen des Kusses, des Verräterkusses. Was habe ich da nur gemacht? Wie konnte ich nur? Ich! Ich war’s! Was hat mich da getrieben? Ich kann die Blicke nicht mehr ertragen, mit denen sie mich alle ansehen. Sie sind wie ein Schlag, wie Ohrfeigen, einer nach dem anderen.
Er war sich selbst und seiner Welt unerträglich geworden.

So etwa, liebe Gemeinde stelle ich mir ihn vor: Judas auf seinem allerletzten Weg. „Und er ging fort und erhängte sich.“
Und meine Gedanken, das Spiel meiner Phantasie geht weiter. Ich höre einen Pistolenknall. Sein ganzes Hab und Gut ist dahin. Die Schulden und die Schuld. Die Scham. Die Blicke der anderen. Meine Familie. Die Ehre. Nicht zu ertragen. Kein Ausweg. Alles so sinnlos.
Oder:
Ich rieche das Gas. Die geschlossenen Fenster in der Küche. Am Tisch sitzt sie. Den Kopf auf den Tisch gelegt. Das Ende. Keine Zukunft. Zu dunkel das Dunkel. Zu schwer die Last der Sorgen. So unendlich müde geworden. Keine Kraft mehr, um dem Sog nach unten noch etwas entgegensetzen zu können. Es ist aus. Schluss. Sterben. Tod.
Darf ich sie in einer Reihe nennen? Dem Verräter. den gescheiterten Spekulanten, die schwerst Depressive? Es geht nicht um Verrat, Pleite oder Depression! Es geht um Schwerkranke, um Krankheiten zum Tode.
Es gibt viele davon. Die unheilbaren – oder die von einem bestimmten Stadium ihres Fortschritts unheilbaren. Wir kennen sie genau, nennen sie Geißeln der Menschheit.
Ich denke, die Judaskrankheit gehört auch zu ihnen. Die unheilbar kranke Seele. Gezeichnet durch das Gefühl des Verlustes. Und es tut weh, keine Kraft mehr zu haben gegen diesen Zwang, die Leere leer zu machen, das Dunkle dunkel, dem eigenen Sterben den Gnadenstoß zu versetzen zu müssen. Ja, die mit der Judaskrankheit.

Früher war ihr Sterben und ihr Tod ein großes Tabu. Bestattet wurden die Selbstmörder hinter der Friedhofsmauer, in nicht geweihter Erde, wie man sagte. Ausgestoßene. – auch im Tod. Nicht nur von sich selbst verlassen, auch von den anderen Menschen. Und die meinen: auch von Gott! Und diese Meinung sehen wir in ihrem Handeln.

Und wir predigen das Evangelium, die gute Nachricht. Jeden Sonntag, und so auch heute. Wir versammeln uns im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Wir tun dies, weil wir glauben und hoffen. Wir tun dies, weil wir uns für alle, ja wirklich alle Lebenslagen Gottes Nähe zusagen lassen wollen. Vergewissern wollen wir uns, dass wir niemals und nirgendwo unbegleitete Menschen sind.
So klammern wir uns daran, dass auch für die mit der Judaskrankheit, auch für uns, die wir mit dieser Krankheit in Berührung gekommen sind, der Tod nicht die letzte Wahrheit ist, die dieses Leben beherrscht. Es muss, ja es muss auch für sie eine gute Nachricht geben, ein Licht für ihre Dunkelheit, Kraft und Macht in ihrer so großen Ohnmacht, Heil angesichts ihres Gefühls der Unheilbarkeit.

1970 veröffentlichte Helmut Gollwitzer sein Buch „Krummes Holz – aufrechter Gang – Zur Frage nach dem Sinn des Lebens“. In einem Kapitel beschäftigt er sich mit Judas . Er betitelt es mit „Eine gute Botschaft für Judas Ischarioth“. Darin schreibt er eine fiktive Rede Jesu auf, adressiert an Judas auf dem letzten Abschnitt seines Weges, auf dem Weg zu seinem Suizid. Wir hören sie jetzt.


»Als ich dich zu einem der Zwölfe berief, kannte ich dich schon als den, der du jetzt bist. Du hast nicht Hoffnungen zerstört, die ich irrtümlich auf dich gesetzt hätte. Du warst auch nicht nur ein Werkzeug in einem höheren Plan, zur ‚Schrift-Erfüllung’, das jetzt weggeworfen wird. Ich nahm dich an als den, als den du dich jetzt herausgestellt hast, den liebe ich, den wollte ich bei mir haben, um für ihn da zu sein. Dass nicht nur du, dass ihr alle mir den Tod bringen werdet, stand längst schon fest, nach dem, was ihr seid und was ich bin. Warum habe ich euch vor eurer Schuld nicht bewahrt, indem mich vor euch bewahrte? Der Knecht ist nicht über seinem Herrn, habe ich euch gesagt, und ich bin nicht über dem, der mich gesandt hat und der durch mein Dasein für euch da sein will. Er will sich nicht bewahren, der, den wir gemeinsam von unseren Vätern her den Gott Israels nennen. Mit mir hast du Ihn ausgeliefert, das weißt du jetzt, darum bist du dir und der Welt unerträglich. Mit mir hat Er sich ausliefern lassen. So kam heraus, wie es steht. So kam aber noch mehr heraus. So ließ Er sich mit mir beseitigen von euch allen, so wie du dich jetzt selbst beseitigen willst. Aber durch einen Ruf hat Er lange vorher dich angenommen, der ihn beseitigen wird. Als den Unerträglichen nahm Er dich an, um dich zu ertragen. Wir beide, Er und ich, sind an dir gestorben. Damit bist auch du gestorben. Denn bei mir zu sein, war dein Leben; das wusstest du, das weißt du jetzt noch besser. So ist mein Tod dein Tod gewesen. Du brauchst ihn jetzt nicht erst zu suchen; er ist schon geschehen. Ich hatte dich so eng mit mir verbunden, dass mein Tod auch dein Tod war. So kannst du nicht mehr von mir gelöst werden. Als du auf mein Erwählen hin mich wähltest und mein Jünger wurdest, hast du in mir dein Leben erkannt. Du hast dich nicht getäuscht, wie du jetzt meinst, wenn du denkst, eben das habe mir und dir den Tod gebracht. Wir beide, Er und ich, bleiben das Leben für die, die uns in den Tod stoßen, - nicht nur, so lange sie das nicht tun, erst recht, wenn sie es tun. Denn um deines Lebens willen haben wir uns mit dir, der uns den Tod bringt, verbunden, nicht um deines Todes willen. So sehr bin ich für dich und ist mit mir Er für dich, dass wir mit unserem Tod auch deinen Tod zu unserer Sache gemacht haben. Dein Leben gegen dich selbst durchzusetzen, darum ging es, als wir uns dir auslieferten. Nun ist dein Tod schon geschehen, aber unser Leben bleibt dir. Um deinetwillen war ich auch in dem Tod, den du mir gebracht hast, für dich; jetzt nimm auch mein Leben für dich! Denn dazu spreche ich jetzt mit dir. Der Tod, in den du uns stießest, war nicht das Letzte, wie du jetzt, dich selbst hineinstoßen wollend, meinst. Ich war dir das Wort des Lebens, ich bin es noch; ich war es dir schon von daher, dass ich es dir jetzt erst recht bin. Für dich ließ ich mich von dir töten, damit der Tod für dich vergangen sei und nur noch das Wort des Lebens für dich gelte. In mir hat der, der mich gesandt hat, für sich den Tod, für seine Mörder aber das Leben gewählt. Ich habe dich längst angenommen, wie du bist; darum nimm dich jetzt an in Hoffnung auf den, der du durch mich werden wirst! Dein Recht zum Leben hast du verspielt. Ich bin dein neues Recht zum Leben.“

„Wie köstlich ist deine Güte Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben.“

Dieses Psalmbild ist Ausdruck unserer Hoffnung. Der Schatten der Flügel – ein wunderbares Bild aus Ps 36 – möge reichen bis auf den Weg des Judas. Die Worte Jesu, die gute Botschaft, sie mögen sein wie ein Licht, das diesen Schatten projiziert. Der möge all die Grenzen, die uns vor Augen sind, sprengen: die Ausweglosigkeit, den Unglauben, die Unfähigkeit zur Hoffnung. Er möge uns in eine Wahrheit stellen, die wir uns nicht selber sagen können. Der Weg des Judas ist auch ein Teilstück des Leidensweges Jesu, die letzte Tat des Selbstmörders ist eine Tat in der Nähe der nicht aufgekündigten Liebe unseres Gottes. Unsere Hilflosigkeit, unsere Verlegenheit, die wir im Umgang mit suizidalen Menschen erfahren, ist aufgehoben in dieser „Guten Botschaft für Judas Iskarioth“, weil dieser niemals aus der Erwählung durch Christus herausfallen wird. Mit unseren eigenen Depressionen finden wir Zuflucht und Geborgenheit unter dem Schatten der zugesagten Liebe unseres Gottes.
Liebe Gemeinde, so werden wir vielleicht lernen, die Menschen mit der Judaskrankheit unter uns, besser zu begleiten, mit diesen Müden zur rechten Zeit reden. Nicht weil wir sie besser verstehen – wer kann das schon! Vielleicht aber deswegen, weil wir in der Begegnung mit ihnen eine Freiheit glauben können, die all unsere Grenzen sprengt, Verlegenheiten relativiert, alte Urteile abbaut, weil wir begreifen, dass ein sterbender Judas nicht sündiger ist als alle anderen Sterbenden. Sie sind nicht verdammt in alle Ewigkeit, weil immer noch einer da ist, der sich um sie sorgt, geborgen hält unter dem Schatten der Flügel seiner Güte - über die Grenze ihres Todes hinaus.
Amen.

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Jesu Verurteilung und Verspottung
Lass dich nicht vom Bösen überwinden