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Mattäus 27,15-30

Predigt zu Mt 27,15-30 (Gründonnerstag 2005; Tischabendmahl)

15 Jesu Verurteilung und Verspottung
Zum Fest aber hatte der Statthalter die Gewohnheit, dem Volk einen Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten.
16 Sie hatten aber zu der Zeit einen berüchtigten Gefangenen, der hieß Jesus Barabbas.
17 Und als sie versammelt waren, sprach Pilatus zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen soll ich euch losgeben, Jesus Barabbas oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus?
18 Denn er wusste, dass sie ihn aus Neid überantwortet hatten.
19 Und als er auf dem Richterstuhl saß, schickte seine Frau zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.
20 Aber die Hohenpriester und Ältesten überredeten das Volk, dass sie um Barabbas bitten, Jesus aber umbringen sollten.
21 Da fing der Statthalter an und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr? Wen von den beiden soll ich euch losgeben? Sie sprachen: Barabbas!
22 Pilatus sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesus, von dem gesagt wird, er sei der Christus? Sie sprachen alle: Lass ihn kreuzigen!
23 Er aber sagte: Was hat er denn Böses getan? Sie schrieen aber noch mehr: Lass ihn kreuzigen!
24 Als aber Pilatus sah, dass er nichts ausrichtete, sondern das Getümmel immer größer wurde, nahm er Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!
25 Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!
26 Da gab er ihnen Barabbas los, aber Jesus ließ er geißeln und überantwortete ihn, dass er gekreuzigt werde.
27 Da nahmen die Soldaten des Statthalters Jesus mit sich in das Prätorium und sammelten die ganze Abteilung um ihn.
28 Und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an
29 und flochten eine Dornenkrone und setzten sie ihm aufs Haupt und gaben ihm ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Knie vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seiest du, der Juden König!
30 und spieen ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt.

Liebe Gemeinde,
ich möchte heute nicht über Barrabas reden, auch nicht über die schreiende Menge auf dem Platz vor dem Haus des römischen Statthalters. Mich interessieren die beiden Heiden in dieser Szene; Pontius Pilatus und seine Frau.

Matthäus erzählt uns diese Geschichte und benutzt als seine wichtigste Informationsquelle das Markusevangelium, das ihm vorliegt. Nun schreibt er dieses nicht einfach ab, sondern fügt eigenes oder weiteres Quellenmaterial ein und das eben auch, um bewusst Korrekturen an der markinischen Berichterstattung vorzunehmen. Das mache ich Ihnen an zwei Beispielen deutlich:

Von einer Intervention der Ehefrau des Pilatus berichtet sonst niemand. „Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen.“
So redet sie zu ihrem Mann. Ein Rat, ein Hinweis – was mag er bedeuten? Natürlich haben wir dazu keine weiteren Informationen. Aber immerhin, ohne Absicht schreibt dies Matthäus sicherlich nicht.

Ins Auge fällt, dass sie Jesus als einen „Gerechten“ bezeichnet. Damit teilt sie den Eindruck, den wir als Leserinnen und Leser des Matthäusevangeliums von Jesus bekommen. Jesus ist der Gerechte, dem nach menschlichem Gefühl unendlich viel Unrecht geschieht. Er, der sich den Menschen zuwandte, sie lehrte, zu ihnen predigte und die Nähe des Reiches Gottes ansagte und dies dann konkretisierte in seinem Handeln: Heilung der Kranken, Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten, Seelsorge an denen, die mit ihm waren. Mehr noch: Matthäus will zeigen, dass da, wo Jesus auftaucht, in seinem Reden und Handeln das Reich Gottes, das Reich der Gerechtigkeit und Freiheit anbricht, gegenwärtig ist. Wir sollen uns immer neu fragen: Stimmt euer Gottesbild? Könnt ihr das für euch zulassen, dass ihr mit diesem Jesus und mit dem, was ihm geschieht, Gottes Wirken in Verbindung bringt?

Dieses gilt allen Menschen, alle sollen es hören, allen ist der Zugang und die Nähe und die Gemeinschaft mit diesem Gerechten offen. Nicht nur die, die in jüdischer Tradition aufgewachsen sind und leben, können das begreifen oder erahnen. Dafür steht die Frau des Pontius Pilatus.
Und in dieser Weise, wie Matthäus uns das berichtet, zu intervenieren, ist schon ausgesprochen beachtenswert, weil dazu Mut und Selbstbewusstsein gehört, und vielleicht auch die bestimmte Ahnung, dass es hier um noch mehr geht als um einen damals alltäglichen Vorgang der Rechtssprechung. „Habe du nichts zu schaffen mit ihm!“ – rät sie ihrem Mann und fügt hinzu, dass sie im Traum einiges erlitten hat um seinetwillen. Also folgt sie nicht nur irgendwelchen Gerüchten, sondern sie hat sich bereits so weit mit diesem Gerechten aus Nazareth beschäftigt, dass ihr Unterbewusstes dieses im Traum verarbeiten muss.
Matthäus erzählt andeutend, lässt Fragen offen. So können wir, die seine Erzählung hören, uns unseren eigen Reim daraus machen.

Ich höre einen Hinweis darauf, dass hier mehr im Spiel ist als das, was vordergründig die Szenerie schildert. Wir wissen heute, dass der Evangelist in einer Gemeinde lebte, die einerseits durch ein jüdisch geprägtes Umfeld bestimmt war, die aber andererseits auch in Auseinandersetzung stand mit Heiden, wohl Menschen in griechisch-römischer Geistestradition. So verstehen wir dann auch das Interesse des Matthäus an dieser heidnischen Frau. Was die Menschen damals auf der Straße nicht verstanden, das hat diese Frau mitten in diesem Geschehen zu Wort gebracht: Jesus ist ein Besonderer, ein Gerechter, mit dem man nicht nach Schema “F“ umgehen darf, nicht wie bei damals auch üblichen Massenverurteilungen. Hier ist mehr, etwas was deine Seele berührt – ja etwas, was mit Gott zu tun hat – vage, unklar, nicht präzis zu formulieren, aber mehr. Ein Hinweis, der eine Beziehung schafft zu dem Bekenntnis der Gemeinde: Dieser Jesus aus Nazareth ist Gottes Sohn, der Messias nicht nur für die Juden, sondern auch für die anderen Völker.



Die zweite matthäische Besonderheit ist diese berühmt gewordene Szene im Prozess Jesu: „Pilatus nahm Wasser und wusch sich die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an seinem Blut; seht ihr zu!“
Pilatus kann keine Schuld finden. Sein Urteil ist eigentlich klar: unschuldig! Deutlich pointiert Matthäus seinen Bericht in dieser Weise. Und er zeigt, wie Pilatus in der Klemme steckt: Auf der einen Seite ist es seine Aufgabe als Statthalter, allen Aufruhr im Keime zu ersticken. Es war eindeutig politischer Wille der Römer, diese Gegend zu befrieden. Vom römischen Frieden (pax romana) sollten die Menschen in dieser Region profitieren. Und dies sollte nicht nur mit militärischen Mitteln geschehnen (waren ohnehin gering mit etwa 500 Soldaten), sondern eben auch dadurch, dass dem römischen Recht Geltung verschafft wurde. Das wurde durchgesetzt mit aller Härte, so auch mit Kreuzigungen. Mit Aufrührern wurde kurzer Prozess gemacht. Aber mit diesen in römischen Augen subversiven Elementen war Jesus – auch nach Pilatus Meinung – nicht gleich zu setzen. Deswegen wäscht er seine Hände in Unschuld, lässt aber die Kreuzigung zu. Damit stellt Pontius Pilatus Weichen für den Verlauf des Leidensweges Jesu. Dessen Weg führt nach Golgatha, zur Stätte seiner Kreuzigung.
Und Matthäus macht deutlich: Nicht nur die Juden machen sich schuldig am Tode des Gerechten, sondern auch der Römer Pontius Pilatus. Er hätte eigentlich nach dem Recht, das er als Römer repräsentierte, den Freispruch durchsetzen müssen. So hatten Juden und Heiden, beide nach menschlichem Ermessen kein Recht zum Todesurteil, beide waren Handlanger der Ungerechtigkeit. Keiner hat dem anderen einen Vorwurf zu machen, alle sind auf Vergebung angewiesen, angewiesen auf die neue Gerechtigkeit, für die der Gekreuzigte stand und eintrat.
So sind beide, Juden und Heiden, erbarmungswürdige Menschen, deren Weg in die Gemeinde offen steht, weil die Liebe und das Erbarmen dessen, den sie ans Kreuz brachten, größer und mächtiger ist, als die Gewalt die damals dort im Hause des Statthalters so dominierte.
Das macht der Evangelist Matthäus deutlich: Juden und Heiden können den Weg der Gerechtigkeit, der durch den Lebensweg Jesu – auch auf der Etappe des Leidens – aufgezeigt und erzählt wird, nicht zum Abbruch bringen. Und auch in der Dunkelheit dieses Ausschnittes, erstrahlt ganz kurz ein Funke göttlicher Nähe: Der, den ihr da seht, der Leid ertragende, der Schweigende ist ein Gerechter.

Juden und Heiden werden der Spur des Jesus aus Nazareth folgen. Werden in dieser Nachfolge lernen und glauben, was vor Gott und den Menschen gerecht ist.

Beispiel: Gebet aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück

neben EG 94Friede den Menschen, die bösen Willens sind,
und ein Ende aller Rache
und allen Reden über Strafe und Züchtigung.
Die Grausamkeiten spotten allem je Dagewesenen,
sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens,
und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott,
wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen Deiner Gerechtigkeit,
fordre nicht grausame Abrechnung,
sondern schlage sie anders zu Buche:
Lass sie zugute kommen allen Henkern, Verrätern und Spionen
und allen schlechten Menschen,
und vergib ihnen
um des Mutes und der Seelenkraft der andern willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse.
Und in der Erinnerung unserer Feinde
sollten wir nicht als ihre Opfer weiterleben,
nicht als ihr Alptraum und grässliche Gespenster,
vielmehr ihnen zu Hilfe kommen,
damit sie abstehen mögen von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert,
und dass wir, wenn alles vorbei sein wird,
leben dürfen als Menschen unter Menschen,
und dass wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde
den Menschen, die guten Willens sind,
und dass dieser Friede auch zu den andern komme.

(Gebet aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück)


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