Predigt im Gottesdienst am 12.09.2004 im Zusammenhang mit der Eröffnung der Ausstellung HAUTNAH mit Fotos von Jürgen Escher
"Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen."
Liebe Gemeinde! Das Anschauen dieser Bilder hier in dieser Kirche kann kein einsames Gespräch zwischen mir und den Bildern sein. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass dieser Raum, in dem sie aufgestellt, diese Kirche in der wir jetzt versammelt sind, mitredet. Vielleicht ist es eine besondere Art, eine besondere Form von Dreidimensionalität: Betrachter, Bild, Raum. So möchte ich Sie einladen, mit mir über diese dritte Komponente, diese dritte "Dimension" nachzudenken; dieser Raum in Zusammenhang mit diesen Bildern, die Sie gleich aus der Nähe und jetzt schon von fern sehen. Ich möchte dies tun, indem ich auf ein Thema hinweise, das uns in dieser Kirche immer wieder beschäftigt. Menschen, Gäste, die vorbeikommen und hineinschauen, fragen: "Was ist dieses für eine Kirche? Sie ist so karg, aber auch irgendwie charmant!" Und wir erklären dann: "Es ist eine reformierte Kirche." Es folgt in der Regel die Rückfrage: "Reformiert? Was ist das?" Wir sagen: "Das ist die etwas andere Art, evangelisch zu sein." Diese etwas andere Art müssen wir sodann erklären. Häufig tun wir dies mit dem Hinweis, dass wir keinen Altar, sondern einen Abendmahlstisch haben. Aber die Sache mit der Kargheit hat auch .ihren Hintergrund. Diesen möchte ich gerne beleuchten.
Es ist ja so, dass in der reformierten Tradition die 10 Gebote etwas anders gezählt werden, als dies Martin Luther getan hat. Das 2. Gebot nach reformierter Zählung im Heidelberger Katechismus und nach Exodus 20,4-6 lautet: Du sollst dir kein Bildnis, noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem was oben im Himmel, noch von dem was unten auf Erden, noch von dem was im Wasser unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.
Dieses 2.Gebot ist uns wichtig. In der Tradition, in der Vergangenheit hat es zu mancherlei Missverständnissen geführt. Das sei beklagt. Wir wissen alle von den Berichten über die Bilderstürmer, und damit haben wir eine unglückliche Vergangenheit. Dennoch lohnt es sich, über den Sinn dieses Bilderverbotes nachzudenken und zu bedenken, was damit gemeint sein kann gerade im Hinblick darauf, dass wir heute hier in dieser Kirche eine Fotoausstellung eröffnen.
Man kann die Bilder nicht einfach so in die Kirche hineinstellen. Nein, das geht nicht, denn man muss bedenken, dass dieser Raum durch das ihm Eigenen mitredet. Und mit diesem Raum redet eben auch die Tradition der Gemeinde, die hier in dieser Kirche ihr Zuhause hat. Das 2. Gebot nun, das ein Teil des Bekenntnisses unserer Gemeinde ist, regelt die Kommunikation, das Miteinender, die Beziehung zwischen uns und Gott; regelt das Verhältnis in der Begegnung mit ihm; regelt das Hören auf sein Wort. In diese Beziehung zu Gott bringen wir alle ja unsere Erfahrungen mit. Wir bringen viele ungemalte Bilder mit. Wir bringen Erfahrungen mit, die Gestalt in der Welt unserer Vorstellungen, auch in unserem Herzen, in unserer Seele haben. Dieses spielt eine große Rolle für unsere Frömmigkeit, für unsere Spiritualität, für die Gestaltung unseres Lebens in der Beziehung zu Gott. Diese Frömmigkeit, die z.B. in dieser Kirche, in diese Gemeinde gelebt wird, ist geprägt durch sehr viel Respekt vor Gott. Sie hat nicht den sonst häufiger zu beobachtenden Zug, dass Gott auf der Ebene des Schulterklopfens zu begegnen und anzutreffen sei. Vielmehr ist es wichtig, dass in dieser Beziehung auch das Fremde, das Ferne zugelassen wird. Diese Frömmigkeit weiß etwas von der wichtigen, notwendigen, ja hilfreichen Distanz zwischen Gott und mir. Diese Distanz ist wichtig, ja in manchen Augenblicken vielleicht sogar konstitutiv für die Begegnung mit ihm, weil sie das Fremde, das Nichtwissen, Rätselhafte, das Nicht-zu-Glaubende, das Unglaubliche aushält. Und es gehört dazu, dass wir seinen Willen, seine Wege mit uns nicht - einem Regierungssprecher gleich - erläutern oder gar rechtfertigen müssen. Diese Art der Frömmigkeit schafft Raum, schafft Weite. Und das Bilderverbot will diesen Raum nicht nur schaffen, sondern ebenfalls nutzen und öffnen für Erfahrungen zwischen Gott und uns Menschen, auch für Erfahrungen, die nicht geklärt werden können, für Erfahrungen, die offen bleiben, offen für all das, was in uns keine Gestalt, keine Vorstellung bekommen kann, das Diffuse, das Dunkle, das Heimliche. Das Bilderverbot des 2. Gebotes zielt darauf ab, dass Gott für uns da ist, als Partner da ist, aber niemals in einem Bild durch uns verehrbar. Er ist nicht festzulegen auf Konturen, auf Schwarz und Weiß, auf Farbigkeit oder Bildtiefe oder auf sonst was, was Plastizität schaffen könnte.
Zur Frömmigkeit, die hinter diesem Bilderverbot steht, gehört, dass die Auseinandersetzung mit den Bildern dieser Welt offen und realitätsbezogen stattfindet. Es gehört dazu, dass die Bilder, die in uns sind, die wir mit unseren Augen und mit unserem Leib aufgenommen haben, in die Beziehung zu Gott mit hineingenommen werden und dort zur Sprache kommen. Es gehört dazu der Mut, diese Welt, in der wir leben, so anzusehen, wie sie wirklich ist und diesen Anblick, dieses "wie sie ist" auszuhalten. Nichts soll beschönigt, nichts soll relativiert werden. Es geht um die Freiheit, mit offenen Augen zu sehen: So ist es.
Liebe Gemeinde, praktisch kann dieses z.B. im Gebet geschehen, in dem ich Gott meine Bilder zeige, ich ihm von ihnen erzähle, ihm berichte, was sie bei mir auslösen. Das kann ich klagend tun oder lobend – je nachdem. Da öffnet sich in diesem Frömmigkeitsraum ein Bereich, in dem wir allen Stimmungslagen gerecht werden können. Es darf eben Lob geben und Klagen, Zustimmung, Dank; auch Verzweiflung hat ihren Platz.
Die Ausstellung HAUTNAH hat den Untertitel „Berührungen mit Menschen im Herzen Afrikas“. An dem ersten Wort dieses Untertitels bin ich hängen geblieben. Berührung mit Menschen – werde ich eingeladen als Betrachter, die Gesichter dieser Menschen mit meinem Blick zu streicheln? Jedenfalls werden meine Augen die unterschiedlichsten Spuren in den Gesichtern nachzeichnen. So ist „Berührung“ mehr als „Sehen“. Berührung hat mit Anrührung zu tun und stellt mir die Frage: Was löst dieses Bild in deinen Augen bei dir aus? Was tut es mit deinem Herzen, in deiner Seele? Und auch hier wird es darauf ankommen, den Mut zu haben, das Angerührte anzuschauen, mich dieser Realität zu stellen – so wie sie ist. Mich persönlich hat dieses beim Betrachten dieser Bildern besonders angesprochen. Tatsächlich brauchen wir viel Kraft, viel Energie, um dieses auszuhalten: Realität, die Welt sehen, wie sie ist. Hier müssen wir unsern Weg finden, als Christen, als Menschen, die mit Gott unterwegs sind.
Hinsehen und aushalten gilt es immer neu zu lernen. Dieses Geschehen ist als Teil der eigenen Frömmigkeit zu begreifen. Dann wird es vielleicht so sein, dass das Hinschauen wie ein Gebet ist. „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – nicht von Gott, der diese Welt geschaffen hat, aber vielleicht heißt die Konsequenz: Du sollst dir ein Bild machen von dieser Welt, in der du lebst, du sollst eine Beziehung herstellen zu dem, was du täglich erfährst und erlebt, du sollst nicht ausklammern und ausradieren, sondern du sollst hinschauen – mutig und vertrauensvoll. Denn der, von dem wir uns kein Bild machen, ist bei uns in allem. Amen.
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