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Es ist für mich wirklich umwerfend zu erleben, wie sich hier Menschen auf mein Kommen gefreut haben.
Diese Erfahrung machte ich gleich am ersten Abend als ich von meiner Kollegin Kathy N. Dwyer und von Mary Bishop, meiner Quartiergeberin, am Greyhound Busterminal empfangen wurde. Sie waren mir ja total fremd und von Angesicht unbekannt. Als ich die Wartehalle betrat, blickte ich auf zwei Frauen, die auf einer Bank saßen, und ich wusste sofort, dass es die Erwarteten waren. Und, wie ich dann bald erfuhr, erging es ihnen ähnlich.
Die Kirche meiner Gastgemeinde, der St. John’s Evangelical Protestant Church, liegt mitten im Zentrum der Stadt, und ich kann sie zu Fuß in 15 Minuten erreichen. Die Gemeindeglieder sind - ähnlich wie die unserer reformierten Gemeinde in Bielefeld – über die ganze Stadt verstreut, nur dass die Flächengröße erheblich größer ist. Das bedeutet, dass ich in der nächsten Woche ein Auto gestellt bekomme. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es hier kaum, und das Fahrrad ist für Highway und Interstate nicht das gerade geeignete Fahrzeug.
Erzählen möchte ich von meinem ersten Erleben der „Largest Table“ in dieser Gemeinde. Es funktioniert so: Mittwochs treffen sich gegen 9.30 Uhr 8-10 Männer und Frauen und beginnen, in der Küche mit dem Kochen eines Mittagessens. Letzten Mittwoch war es eine Käsesuppe mit Gemüse und einem Hot Dog. Um 12.00 Uhr beginnt ein Kurzgottesdienst mit Abendmahl. Und das war schon eine bemerkenswerte Gottesdienstgemeinde: Obdachlose, Witwen, die mit ihrem kleinen Zweitwagen gekommen, Junkies, ehrenamtlich Mitarbeitende, die vormittags in der 2. Etage einen Gemeinderaum gestrichen hatten, Studierende der Ohio State University, Passanten und Neugierige sowie andere, die ich nicht zuordnen konnte – etwa 80 Menschen. Nach dem Gottesdienst gingen alle eine Etage tiefer, um in der Fellowship Hall das vorbereitete Mittagsessen einzunehmen. In den nächsten beiden Stunden kamen noch mehrere hinzu, so dass am Ende insgesamt etwa 150 Menschen verpflegt waren. Diese Gemeindeveranstaltung findet jeden Mittwoch statt. Mich hat diese Unmittelbarkeit von gottesdienstlichem, ja sakramentalem Geschehen und sozial agierender Gemeinde tief beeindruckt, diese selbstverständliche Kongruenz von Spiritualität und praktisch christlichem Tun. Für dieses soziale Engagement gibt es keinerlei Zuschüsse; es wird von der Gemeinde allein getragen und durch ein interessantes Modell für Fund Raising finanziert. Einmal im Jahr findet eine Veranstaltung statt mit der Bezeichnung „Body and Soul“. Man muss mindestens 25 $ Eintritt zahlen. Dafür werden Getränke gereicht, Essen an einem Snack-Buffet und Life-Musik geboten. Natürlich gehört auch eine Tombola dazu. Es findet nicht in kirchlichen Räumen statt, sondern in Räumlichkeiten, die sonst von Firmen für Werbeveranstaltungen, Seminare und Konferenzen genutzt werden. Natürlich gehört zum Prinzip des „Raisens“, dass einer da ist, der dafür sorgt, dass die nicht unerhebliche Miete irgendwie bezahlt ist. Dieses „Body and Soul“ habe ich am Freitag, 20. April miterleben können. Und ich weiß inzwischen, dass der Erlös reicht, um in den nächsten zwölf Monaten jeden Mittwoch eine „Largest Table“ bereiten zu können. Das Ergebnis in diesem Jahr: 9.000 $ In einer kurzen Hinführung zur Abendmahlsfeier sagte Kathy Dwyer unter Hinweis auf einen sehr kleinen Tisch vorn in der Kirche, auf dem ein Brot und ein Kelch zu sehen waren: „Dies ist der größte Tisch, den wir uns denken und vorstellen können. An ihn wollen wir uns einladen lassen. Er hat alles, was wir brauchen. Gott hat ihn für uns gedeckt.“
Das ein erster Eindruck.
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